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Hintergrund
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| Die Bilder des Krieges, die nicht für uns bestimmt sind |
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| Geschrieben von: Juliane Dorloff |
| Donnerstag, 14. Januar 2010 um 22:47 Uhr |
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Die Bilder des Krieges, die nicht für uns bestimmt sind
von Chris Hedges
The Pictures of War You Aren't Supposed to See THRUTHDIG Frei übersetzt und in eckigen Klammern mit Ergänzungen versehen von Juliane Dorloff Krieg ist brutal und unpersönlich. Er täuscht der Phantasie Heldentum und die Absurdität utopischer Ziele wie Demokratie vor. Die heutige Art der Kriegsführung kann mit einem Schlag dutzende, ja sogar hunderte von Menschenleben auslöschen, die ihren Angreifer nie gesehen haben. Die Zerstörungskraft der technisch hochgerüsteten Waffen ist willkürlich und erschütternd. Sie können Wohnblocks in Sekundenschnelle niederreißen, welche jeden unter sich begraben und zerschmettern. Sie können ganze Dörfer zerstören und sprengen Panzer, Flugzeuge und Schiffe. Diejenigen, die so etwas überleben, haben anschließend schreckliche Verbrennungen, sind blind oder ihre Gliedmaßen müssen ihnen amputiert werden, sie leiden lebenslang an Schmerzen - von den psychischen Traumata einmal abgesehen. Niemand, der diese Art der Kriegsführung am eigenen Leibe erlebt, kehrt als derjenige zurück, der er einmal war. Und wenn man solche Waffen erst benutzt, werden all die Phrasen über Menschenrechte zu einer Farce. In Peter van Agtmaels und Lori Grinkers Büchern “2nd Tour Hope I don’t Die” und “Afterwar: Veterans From a World in Conflict,” zwei unvergesslichen und tiefbewegenden Büchern der Kriegs-Fotografie, können wir Bilder betrachten, welche meistens vor der Öffentlichkeit versteckt werden. Diese Fotos sind nur ein Schatten der Wirklichkeit für diejenigen, die den wirklichen Krieg ertragen müssen und komplett mit dem ganzen Ausmaß dieses Alptraums konfrontiert werden, aber sie sind zumindest ein Versuch, die Grausamkeit des Krieges zu demaskieren. "Über neunzig Prozent des Körpers dieses Soldaten war verbrannt, als eine Bombe am Straßenrand sein Fahrzeug traf, den Benzinkanister in Flammen aufgehen ließ und zwei andere Soldaten zu Tode verbrannte," lautet die Beschriftung eines Fotos von einem verbrannten Körper eines Soldaten in einem Operations-Saal in Agtmaels Buch. "Seine Tarnuniform hing über dem Bett, aufgerissen von den Erste-Hilfe-Kräften, welche ihn im Helikopter behandelt hatten. Klumpen seiner Haut haben sich abgeschält, und was übrig geblieben war, war durchscheinend. Er war nicht bei Bewusstsein, doch er öffnete seine Augen für einige Sekunden. Als er von der Krankenhausbahre auf das Bett der Notaufnahme gelegt wurde, schrie er 'Daddy, Daddy, Daddy, Daddy,' dann 'Macht, dass ich schlafe, bitte, macht, dass ich schlafe.' Es war noch ein anderer Fotograf in der Nofallaufnahme, und er hob seine Kamera über die medizinischen Geräte, um eine Nahaufnahme von oben zu bekommen. Der Soldat schrie: 'Nimm die verdammte Kamera aus meinem Gesicht!' Das waren seine letzten Worte. Ich besuchte sein Grab einen Winternachmittag sechs Monate später," schreibt Agtmael, "und die Szene seines Todes begleitet mich ständig." "Als der Jeep Feuer fing, waren drei von uns im Wageninneren," wird der israelische Soldat Yossi Arditi in Grinkers Buch zitiert, als er von dem Moment berichtet, in dem ein Molotov-Cocktail in seinem Fahrzeug explodierte. "Der Benzintank war voll und kurz davor zu explodieren, meine Haut hing an meinen Armen und an meinem Gesicht runter - aber ich hatte meine Geistesgegenwart noch nicht verloren. Ich wusste, niemand konnte kommen, um mir zu helfen, dass mein einziger Ausweg durch das Feuer an den Türen war. Ich wollte meine Waffe nehmen, aber ich konnte sie nicht anfassen, weil meine Hände brannten." [Wenn Sie längere Auszüge von "Afterwar" auf Englisch mit einer Einleitung von Chris Hedges lesen möchten, klicken Sie hier] Arditi verbrachte sechs Monate im Krankenhaus. Alle zwei bis drei Monate muss er sich operieren lassen, um die 20 Operationen in den nächsten drei Jahren. "Leute, die mich sehen, sehen, was Krieg wirklich anrichtet," sagt er. Die meisten Bilder aus Kriegsfilmen und die meisten Kriegsfotos verdeutlichen uns nicht die vor Angst bebenden Herzen, den abscheulichen Gestank, den ohrenbetäubenden Lärm und die Abgeschlagenheit des Schlachtfeldes. Solche Bilder verdrehen die Bestürzung und das Chaos in eine kunstvolle Kriegserzählung. Sie wandeln Krieg in Pornografie um. Soldaten und Marines, besonders diejenigen, die niemals einen Krieg gesehen haben, kaufen einige Dosen Bier und schauen sich Filme wie "Platoon" an, Filme, die von sich behaupten, Krieg zu verurteilen, und doch feiern sie die verachtenswerte Zerstörungskraft der Waffen. Die Realität von Gewalt sieht anders aus. Alles, was von Gewalt gestaltet wird, ist sinnlos und nutzlos. Es existiert ohne Zukunft. Es hinterlässt nichts als Tod, Trauer und Zerstörung. Chroniken des Krieges, solche wie diese beiden Bücher, die Bilder und Szenen des Nahkampfes meiden, beginnen die Realität des Krieges einzufangen. Die Auswirkungen des Krieges sind, was der Staat und die Presse, die Handlanger der Kriegstreiber, so krampfhaft versuchen, vor uns zu verbergen. Wenn wir einmal wirklich Krieg sehen würden, was Krieg jungen Seelen und Körpern antut, würde es schwerer werden, den Mythos vom Krieg aufrecht zu erhalten. Wenn wir vor den zerstümmelten Leichen der acht Schulkinder, welche eine Woche zuvor in Afghanistan getötet worden sind, stehen müssten und die Klagen ihrer Eltern mit anhören müssten, wären wir nicht länger in der Lage, die Klischees zu wiederholen, von wegen Frauenbefreiung in Afghanistan und den afghanischen Menschen die Freiheit bringen. Das ist der Grund, warum Krieg vorsichtig bereinigt wird. Das ist der Grund, warum wir zwar erfahren, dass Krieg pervers und erschütternd ist, aber die Konsequenzen, die Krieg mit sich bringt, nicht gezeigt bekommen. Die mythischen Vorstellungen, die Krieg umgeben, lassen ihn heldenhaft und unterhaltsam wirken. Und die Presse ist genauso schuld daran wie Hollywood. Während der Irak-Krieg begann, fütterte uns das Fernsehen mit aufregenden Bildern der Truppen und verbarg vor uns die Auswirkungen von Geschossen, Panzerschüssen, Splitterbomben und Artilleriegeschossen. Wir durften ein bisschen von der Kriegs-Euphorie kosten, aber wurden davor geschützt, zu sehen, was Krieg tatsächlich anrichtet. Die Verwundeten, die Krüppel und die Toten werden in dieser riesigen Scharade schleunigst von der Bühne geschoben. Wir sehen sie nicht. Wir hören sie nicht. Sie sind verdammt wie ruhelose Geister an der Grenze unseres Bewusstseins umherzuschwirren, ignoriert, sogar beschimpft. Die Botschaft, die sie uns mitteilen wollen, ist zu schmerzhaft für uns, um zuzuhören. Wir ziehen es vor, uns selbst und unsere Nation zu feiern, den Mythos von Ruhm, Ehre, Patriotismus und Heldentum aufsaugend, Worte, die im Gefecht leer und bedeutungslos werden. Und solche deren Schicksal entschieden ist, müssen die Auswirkungen des Krieges erkennen und drehen sich oft um und versuchen zu fliehen. Saul Alforo, der seine Beine im Krieg in El Salvador verlor,berichtet in Grinkers Buch über den ersten und letzten Besuch seiner Freundin, als er in einem Armee-Krankenhaus lag. "Sie war meine Freundin während der Militärzeit gewesen und wir hatten geplant, zu heiraten," sagt er. "Aber als sie mich im Krankenhaus sah - ich weiß nicht genau, was passierte, aber später sagte man mir, als sie mich sah, begann sie zu weinen. Anschließend rannte sie weg und kam nie mehr zurück." Die öffentlichen Dankesbezeugungen sind nur für die Veteranen gedacht, die pflichtbewusst von den Skripten ablesen, die ihnen von der Regierung ausgehändigt werden. Die Veteranen, die wir sehen dürfen, sind die, die folgsam und angenehm sind, die, zu denen wir ohne Abscheu aufblicken können, die, welche mit der Lüge leben können, dass Krieg Patriotismus bedeute und unser höchstes Gut sei. "Vielen Dank für Ihren Einsatz," sagen wir dann. Sie bewahren normalerweise den Mythos, den wir bereit sind, zu verehren. Gary Zuspann, der in einer sehr abgesiedelten Umgebung bei seinen Eltern Waco, Texas, lebt und am Golfkriegssyndrom leidet, spricht in Grinkers Buch davon, sich wie "ein Gefangener des Krieges" zu fühlen, auch nachdem dieser beendet worden war. "Letztendlich versetzten sie mir einen Dämpfer und sagten, okay, kümmer dich um dich selbst," sagt er in dem Buch. "Ich lebte in einer Phantasiewelt, in der ich dachte, unsere Regierung würde sich etwas aus uns machen und sich um ihre eigenen Leute kümmern. Ich dachte, es stünde in meinem Vertrag, dass, wenn man verstümmelt oder verwundet würde, sich jemand um einen kümmern würde. Jetzt bin ich wütend." Ich ging zurück nach Sarajevo, als ich den Krieg der 90er für die New York Times berichtete und fand hunderte von Krüppeln, gefangen in Wohnblocks ohne Aufzug und ohne Rollstühle. Die meisten waren junge Männer, viele ohne Extremitäten, versorgt durch ihre Eltern - die glorreichen Helden - zurückgelassen um zu verrotten. Überlebende, die nicht den Suizid als letzten Ausweg sahen, trotz Hoffnungslosigkeit. Es haben sich mehr Kriegsveteranen nach dem Vietnam-Krieg umgebracht, als Soldaten in diesem getötet wurden. Die unmenschlichen Eigenschaften, die den Soldaten in Kriegszeiten eingebleut werden, vernichten diese in Friedenszeiten. Das lehrt uns Homer in der Ilias, seinem großartigen Buch über den Krieg, und in der Odyssee, seinem Buch über die lange Reise der Gesundung von professionellen Killern. Viele können sich nicht wieder [in die Gesellschaft] einfügen. Sie können sich nicht wieder mit ihren Frauen und Kinder, Eltern und Freunden auseinandersetzen und ziehen sich in ihre persönliche Hölle der selbstzerstörerischen Qual und Wut zurück. "Sie programmieren dich darauf, nichts zu fühlen - so, dass, wenn jemand neben dir getötet wird, du nur deine Arbeit weitermachst und die Klappe hältst.", erzählt Steve Annabell, ein britischer Veteran des Falkland-Krieges, in Grinkers Buch. "Wenn man den Dienst verlässt, wenn man aus solch einer Situation heim kehrt, dann gibt es keinen Knopf, den sie betätigen können, um deine Emotionen wieder einzuschalten. Also läuft man umher wie ein Zombie, sie programmieren einen nicht wieder um. Wenn man zum Problem wird, kehren sie einen einfach unter den Teppich." "Um dich dazu zu bringen [der Army] beizutreten, machen sie eine Menge Werbung - sie zeigen Leute, die mit Skiern die Berge runterfahren und großartige Dinge tun - aber sie zeigen nicht, dass du beschossen wirst und Leute, denen die Beine weggesprengt werden oder die qualvoll verbrennen," sagt er. "Sie zeigen dir nicht, was wirklich passiert. Das ist einfach Scheiße. Und sie bereiten dich nie darauf vor. Sie können dir das beste Training geben, doch es ist niemals das selbe wie die Realität." Wenn der Krieg vorüber ist, haben Veteranen am meisten mit denen gemeinsam, die sie bekämpft haben. "Niemand kehrt als der selbe aus dem Krieg zurück," erzählt Horacio Javier Benitez, der die Briten auf den Falkland-Inseln bekämpft hat und in Grinkers Buch zitiert wird. "Die Person, Horacio, die in den Krieg geschickt wurde, exisitiert nicht mehr. Es ist schwer, Begeisterung für das normale Leben aufzubringen, zu viel wirkt belanglos. Man muss mit Wahnsinn und Depressionen fertig werden." "Viele, die in den Malvinas gedient haben," sagt er, während er den Argentinischen Namen der Inseln benutzt, "haben Suizid begangen, viele von meinen Freunden." "Ich vermisse meine Familie," liest man in Agtmaels Buch auf einer Fotografie, die ein Graffiti auf einer Mauer zeigt. "Bitte Gott, vergib mir die Leben, die ich genommen habe und lass meine Familie froh sein, dass ich nicht nach Hause zurück komme." Neben diese Bitte hat jemand einen Pfeil in Richtung des Geschriebenen gemalt und in großen schwarzen Buchstaben "Schwuchtel!!!" geschrieben. Werft einen Blick hinter die nationalen Phrasen, die benutzt werden, um Krieg zu rechtfertigen. Werft einen Blick hinter die verführende Wirkung der Waffen und die Zurschaustellung von Gewalt. Werft einen Blick hinter Barack Obamas lächerliche Rhetorik darüber, den Auftrag zu Ende auszuführen oder den Terrorismus zu bekämpfen. Krieg beginnt mit dem Auslöschen der anderen doch endet schließlich in der Selbstzerstörung. Er korrumpiert die Seelen und verstümmelt die Körper. Er zerstört Häuser und Dörfer und bringt Kinder auf dem Weg zur Schule um. Er zieht alles, was schön und zart und heilig ist, in den Schmutz. Er ermächtigt menschliche Abartigkeiten - Kriegsherren, Schiitische Todes-Truppen, Sunnitische Rebellen, die Taliban, Al Quaida und unsere eigenen Killler - welche nur in der verachtenswerten Sprache der Gewalt sprechen können. Krieg ist eine Geißel. Er ist eine Plage. Er ist ein industrieller Mörder. Und bevor ihr Krieg unterstützt - besonders den im Irak und in Afghanistan, schaut in die ausgehöhlten Augen der Männer, Frauen und Kinder, die ihn kennen. Chris Hedges, ein Gewinner des Pulitzerpreises, der für zwei Jahrzehnte über die Konflikte in Zentral-Amerika, Afrika, dem Mittleren Osten und in der Balkan-Region Bericht erstattete, schreibt eine Kolumne, die jeden Montag auf Truthdig veröffentlicht wird. Sein letztes Buch: "Empire of Illusion: The End of Literacy and the Triumph of Spectacle."
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